Bin ich der, der ich bin – oder der, der gerade wird?

Situative und personale Echtheit

In der Straßenbahn: Zwei Männer unterhalten sich über ihre Kinder und über Erziehung. Der eine legt sehr ausführlich seine pädagogischen Grundsätze dar und erzählt in Beispielen, wie er aus diesen Prinzipien heraus an seinen Kindern handelt. Schließlich fragt er sein Gegenüber: »Und wie erziehst du?« Dieser überlegt einen Moment und sagt dann: »Ich erziehe nicht. Ich bin da.« Und fügt nach einem weiteren Innehalten hinzu: » Jede Situation ist anders.«
Sein Umgang mit seinen Kindern ergibt sich also nicht aus formulierten Grundsätzen und festgeschriebenen pädagogischen Anschauungen, sondern aus der jeweiligen Situation. Ich möchte diese Bereitschaft zur Geistesgegenwart »situative Echtheit« nennen.
Sie scheint mir etwas anderes zu sein als die personale Echtheit, wenn das Handeln eines Menschen über verschiedene Situationen hinweg mit sich selbst übereinstimmt, kontinuierlich, unverändert, verlässlich. Wir erleben zunächst einen Menschen in seinen Taten und Worten als »echt«, wenn er immer gleich ist, immer der Gleiche ist in seinen Eigenschaften, seinen Anschauungen und Meinungen. Wir haben geradezu das Bedürfnis, dass jemand immer und weiterhin so »ist«, wie wir ihn kennen und wie es seinem »Wesen« entspricht, das wir zu kennen meinen. Diese Erwartungen, immer der Gleiche und in diesem Sinne echt zu sein, haben wir auch an uns selbst.

Nun kann aber dieser Echtheitsanspruch zu unechtem Verhalten führen. Ein Beispiel aus der Schulpraxis: Ein sprachbegabtes Mädchen der fünften Klasse fragt im Englischunterricht die Lehrerin nach einer bestimmten grammatischen Form im Englischen. Diese antwortet: »Das ist erst in der zehnten Klasse dran.« Diese Antwort ist echt in Bezug auf die allgemeinen pädagogisch-didaktischen Prinzipien der Lehrerin, aber sie ist unecht in Bezug auf das Kind und sein augenblickliches Interesse. Dieses hat hier Fragen, die im pädagogischen Kanon der Lehrerin nicht in dieses Entwicklungsalter gehören. Dies ist das Gegenteil von situativer Echtheit Sie hätte in diesem Falle erfordert, auf die Frage des Mädchens entgegen dem pädagogischen Regelwerk einzugehen.

Situative Echtheit korrespondiert mit der Tatsache, dass wir in unserer personalen Struktur nicht eindeutig sind. Wir sind vielschichtig und haben mehrere unterschiedliche Seiten oder Eigenschaften oder Anschauungen. Diese können sich unter Umständen zum Teil sogar gegenseitig widersprechen. Welche Seite in mit ist denn die echte, wenn ich mich in verschiedenen Situationen unterschiedlich verhalte?
Ein Beispiel: Herr K. arbeitet in der Beschaffungsabteilung eines großen Unternehmens. Vom Bleistift bis zum Computer, vom Papierkorb bis zum Schreibtisch, muss er neu anschaffen oder ersetzen, was die Mitarbeiter des Unternehmens zur Ausführung ihrer Tätigkeiten benötigen. Hier, in seiner Firma, gilt Herr K. als »Pfennigfuchser«, als äußerst sparsam. Einige sagen, er sei geizig. Er achtet darauf, sein Anschaffungsbudget nicht zu überschreiten, ja, er hat den Ehrgeiz, dieses möglichst gar nicht voll auszuschöpfen.
Herr K. hat zwei Kinder im Grundschulalter. Zuhause ist er großzügig, manche sagen »verschwenderisch«. Er überrascht seine Kinder gerne mit spontanen Geschenken und seine Frau mit kurzen Städtetrips am Wochenende oder die ganze Familie zum Beispiel mit einer Kanutour. – Ist er nun geizig oder ist er verschwenderisch? Welche Seite ist die echte? Unter dem Gesichtspunkt der situativen Echtheit können wir sagen: Beide Seiten sind echt. Herr K. handelt offenbar aus den Gegebenheiten und Erfordernissen der Situation heraus, nicht aus immer gleichen Prinzipien oder gleichbleibenden Eigenschaften wie »sparsam« oder «großzügig«.

Ein weiteres Beispiel aus der Sphäre des Kunstschaffens: Viele Maler, Komponisten und Bildhauer haben im Laufe ihrer Werkgeschichte ihren Stil, ihren Blickwinkel, ihre Ausdrucksformen, ja sogar ihre Anschauungen über ihr eigenes Schaffen immer wieder geändert, manche fließend oder in kleinen Schritten, manche radikal. In welcher Schaffensphase ist so ein Künstler »echt«? Die Frage ist unsinnig. Denn er ist immer echt, sofern er jeweils aus den sich ihm ergebenden Entwicklungen und erlebten Notwendigkeiten heraus seine Bemühungen gestaltet. Wir würden ihm und seinem Schaffen nicht gerecht, wenn wir ihn nur dann als echt in seiner Kunst ansehen würden, wenn er mit siebzig Jahren genauso malen würde wie mit zwanzig.
Kinder haben meist ein gutes Gespür für situative Echtheit bzw. Unechtheit. Sie fühlen sich nicht wahr- und ernstgenommen, wenn wir aus Prinzipien, statt aus der Situation heraus an ihnen handeln und mit ihnen sprechen. Sie haben oft ein besseres Gespür als wir Erwachsenen dafür, dass jemand sich, also seine wohldefinierten Eigenschaften und Grundsätze, inszeniert, weil er meint, die Situation gibt ihm Gelegenheit dazu – ohne darauf zu schauen, was die Situation erfordert.

Immer der Gleiche zu sein, gibt uns und unseren Mitmenschen anscheinend Sicherheit. Manche definieren sich geradezu gerne und explizit mit Sätzen wie »Ich bin ein Mensch, der …« und dann folgt eine in sich stimmige Aufzählung oder Darstellung von Eigenschaften und Grundsätzen. Es ist natürlich nichts auszusetzen an dieser personalen Echtheit und an unserem Bedürfnis nach personaler Echtheit. Jedoch sollten wir die Möglichkeit im Auge behalten, dass wir unter Umständen aus dem Festhalten an unserer scheinbar festgelegten Identität heraus den Kontakt zur gegebenen Situation verlieren könnten. Dann nämlich, wenn etwas anderes erfordert ist als das bloße Zelebrieren von Grundsätzen und Identitätsdefinitionen. Im Extremfall können wir sogar den Kontakt zu uns selbst, zu unserem Selbst, verlieren, nur weil wir immer der Gleiche sein möchten.
Wer bin ich nun, wenn ich mich nicht ausschließlich über meine Eigenschaften, Anschauungen und Meinungen definiere, sondern aus der vorhandenen Situation heraus handle, in Geistesgegenwart? Bin ich dann jeweils ein Anderer? – Die Kontinuität, das für sich und andere verlässliche Selbst, ergibt sich unter dem Blickwinkel der situativen Echtheit aus der Offenheit für die jeweilige Situation. Ich bin der, der sein ein für alle Mal definiertes Ich loslassen kann und sich eher darauf einlässt, was anliegt.

Es geht nicht um ein Entweder-oder – entweder personale Echtheit oder situative Echtheit. Es geht darum, so für eine Situation offen zu sein, dass ich souverän entscheiden kann, ob hier meine üblichen Eigenschaften und Grundsätze angebracht und passend sind oder ob etwas anderes und eventuell Neues gefragt ist.
Seltsamerweise ist das Wort »echt« sprachgeschichtlich verwandt mit dem Wort »Ehe«, und zwar über das althochdeutsche »ewe«, welches »Recht« oder »Gesetz« bedeutet. Es gibt also das »Gesetz«, der immer gleichbleibenden Identität zu folgen, und es gibt das »Gesetz« (oder vielleicht das »Recht«?), auch anders als üblich zu handeln, wenn die Situation es verlangt. Beide »Gesetze« können sich decken oder sie können sich widersprechen. – Und wie diese Thematik mit der Ehe zusammenhängt … darüber können wir lange nachsinnen.


AutorIn: Mathias Wais


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